Friedrich Ani – Süden

Friedrich Ani – Süden

Tabor Süden ist eine Kultfigur, sein Autor Friedrich Ani mehrfach preisgekrönt. Eigentlich hatte Friedrich Ani 2005 genug von seinem Helden, 2005 erschien der letzte Band der erfolgreichen Reihe. Damals hatte Kommissar Süden den Polizeidienst quittiert und war Kellner geworden. Jetzt ist Süden wieder da, wiederbelebt nach einer sechsjährigen Pause.

Die unspektakulären Plots, die Beschäftigung mit Menschen am Rande der Gesellschaft und die Sprachkunst des Autors waren es, die die Romane um Kommissar Süden damals berühmt gemacht haben. Das alles ist wieder da, in der neuesten Geschichte um den empfindsamen Ermittler, die mit einem Anruf des verschwundenen Vaters von Süden beginnt. Damit wird an die Zeit vor sechs Jahren angeknüpft, schon in der Romanserie gehörte der Verlust des Vaters zu den tragischen Grundtönen.

Süden, der sich als Kellner eines großstädtischen Szene-Treffs gerade so über die Runden bringen kann, nimmt aus Geldnot einen Job als Privatdetektiv an und macht so eigentlich da weiter, wo er einstmals als Polizist aufgehört hat: Er rekonstruiert fremde Leben.

Ein netter, unauffälliger Wirt stellt plötzlich jede Kommunikation ein, bis er einfach verschwindet. Der alte Fall wird wieder aufgenommen, der fast vergessene Mann soll nun von Süden gesucht werden, wie der eben auch immer noch seinen Vater sucht. Wieder geht es um Menschen, die einfach aus dem Leben fallen, früher meist innerlich, hier tatsächlich.

Die Stimmung des Buches ist melancholisch, manchmal depressiv, die Erzählweise nichtsdestotrotz poetisch, mitunter sehr komisch und gekonnt eingeteilt in viele kleine, prägnante Geschichten. Wenn Süden nach Sylt kommt, sieht er nicht die saubere Insel der Wohlstandsgesellschaft, sondern müde und ausgelaugte Menschen, die an sich und ihren Schicksalen zweifeln. Sie alle haben ihre Geheimnisse, werden mitunter in Situationen gebracht, die schlichtweg abstrus sind.

Süden sucht seinen Vater und damit sich selbst und bleibt doch der einfühlsame Zuhörer, der sich auf ganz eigene Weise seiner Umwelt nähert. Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Vision bilden die gleichberechtigte Wirklichkeit des Romans, die vom Protagonisten durchaus überraschend wahrgenommen wird. Der Fall des verschwundenen Wirtes löst sich auf unvorhersehbare Weise, mehr als die Logik einer brillanten Verbrechensaufklärung spürt der Leser auf jeder Seite die Realitäten einer verunsicherten Gesellschaft.

Eine wirkliche Lesefreude für alle, die auch bei einem Krimi ästhetische Sprachkunst begrüßen.

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