Kate Atkinson – Das vergessene Kind

Kate Atkinson – Das vergessene Kind

Kate Atkinson wurde schon für ihre Erzählkunst preisgekrönt, für die lakonische Ironie ebenso typisch ist wie ein Erzählfaden, in dem nichts ist, wie es scheint.

Schon das Cover ihres neuen Krimis “Das vergessene Kind” täuscht eine heile Welt vor. Eine heile Welt, die nichts zu tun hat mit dem wirklichen Leben des kleinen Mädchens, das da so hübsch ins Bild gesetzt wird. Warum schaut sie uns nicht an?

Auch die restlichen Protagonisten dieser Geschichte leben nicht in heilen Welten. Ein Adoptivkind sucht nach über 30 Jahren endlich seine Wurzeln, ein vom Schicksal gebeutelter Privatermittler kann wenigstens einen Hund retten, der von nun an sein bester Freund wird … Eine Gesetzesvertreterin will ein Kind retten, nachdem sie vor langer Zeit versäumt hat, einem anderen Kind durch Adoption ein ertragbares Leben zu schenken. Also kauft sie das Kind, aber das ist moralisch verwerflich und eine Straftat, ihr Gewissen meldet sich sehr bald.

Kate Atkinson weiß, wovon sie schreibt, als Sozialarbeiterin und Lehrerin hat sie viel über die sinnlosen Umwege des Lebens erfahren.

Kate Atkinson weiß auch, wie sie es schreibt: Sie nimmt den Leser mit in die Vergangenheit und lässt die Vergangenheit in die Gegenwart wirken, auch wenn die Beteiligten sie hervorragend verdrängt haben. Alles kommt wieder an die Oberfläche, unaufhaltsam, in einer ebenso zerstörerischen wie verstörenden Entwicklung. Das Buch ist ein Krimi, aber keiner der lauten, die mit stereotypisch dargestellten Verbrechern, spektakulären Gewaltszenen, exotischen Psychopathen oder Massen von Blut arbeiten. Das Buch lässt mitfühlen und macht den Leser betroffen, gerade mit seiner leisen Entfaltung, mit seiner unaufdringlichen Darstellungsweise.

Einige Zutaten des Genres werden bedient, die Polizei ist mit im Spiel, es werden Gesetzesbrüche aufgedeckt und typische Milieus beschrieben. Aber es geht nicht vordergründig um die Verbrechen und deren technische Aufklärung, im Mittelpunkt des Geschehens steht die Entwicklung der Charaktere, die wenig Einfluss auf ihr Leben zu haben scheinen. Die zeitlich getrennten Handlungsstränge erscheinen dem Leser zunächst unentwirrbar und entwickeln sich auch nur zögerlich, dann entsteht höchste Spannung, bis der Leser sich endlich ein Bild machen kann. Ein Bild von Menschen, die auf der Suche nach Wärme und Beachtung, Liebe und Freundschaft sind und doch im Alltag ihre Chancen beharrlich verpassen. Die Lügen der Vergangenheit lassen sich nicht einfach ignorieren …

Ein außergewöhnliches und lesenswertes Buch für alle, die gerne die willkürlichen Entwicklungen mitverfolgen, die das wahre Leben ausmachen.

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