Yrsa Sigurdardottir – Geisterfjord

Yrsa Sigurdardottir – Geisterfjord

Die Idee ist ganz banal: Drei Freunde machen sich voller Enthusiasmus an den Ausbau eines verlassenen Hauses in einem leer stehenden Dorf. Die Geschichte wird sehr schnell überschattet von merkwürdigen Geschehnissen, es passiert so manches, das logisch nicht zu erklären ist. Oder vielleicht doch? Gerüche sind schließlich nur Gerüche, Handyakkus können sich entladen, Gegenstände mit scheinbarem Eigenleben wurden meist unbewusst verräumt. Aber wie sind Schritte zu erklären, wo keine Menschen sind? Warum wurde das Dorf eigentlich verlassen? Was ist bloß auf dieser Insel passiert?

Es gibt kein Umfeld, in dem ein Krimi besser angesiedelt ist als in Island: Wenn die Atmosphäre droht, zu freundlich zu werden, braucht es nur die Beschreibung der einsamen Landschaft, um den Leser in die Atemlosigkeit zurückzuwerfen.

Der gespenstisch diffuse Handlungsstrang wird von einer zweiten, realer erscheinenden Ereignisschilderung flankiert, beide werden abwechselnd berührt. In diesem Erzählstrang geht es um Verbrechen aus dem wirklichen Leben, um einen Einbruch und eine Reihe überraschender Todesfälle. Die Ermittlungen führen Polizistin Dagn und Psychologen Freyr zu verstaubten Polizeiakten aus dem letzten Jahrhundert, und auch hier sind die Geschehnisse immer schwerer zu durchschauen, werden die Motive und die kommende Entwicklung immer rätselhafter. Als Freyr dann die Stimme seines verschollenen Sohnes vernimmt, fragt der Leser sich erstmals, ob die Ereignisse zusammenhängen.

Wunderbar gekonnt werden die beiden Erzählungen zusammengeführt, spät wird die Verbindung zwischen den Rätseln sichtbar, aber dann enthüllt sich eine mehr als grausige Wahrheit.

Die Mittel, mit denen das Buch arbeitet, entstammen einem altbewährten Gruselkonzept. Deshalb nimmt die gekonnt aufgebaute Inszenierung den Leser aber nicht weniger mit, bewährte Rezepte gekonnt eingesetzt haben eben ihre Wirkung. Schon nach einer Seite ist der Leser voll in der Geschichte, wenig später erschrickt er fürchterlich vor Bagatellen wie dem Knall einer Tür.

Die Spannung wird durchgehend aufrechterhalten, bei sehr überzeugender Darstellung der Charaktere und mit zunehmend gruseliger Atmosphäre.

Geisterfjord wird bei den Krimis verkauft, ist aber mehr als ein Krimi, der Leser darf sich hier nicht bei logischen Ermittlungen ausruhen, sondern wird gründlich beunruhigt. Wer daran Spaß hat, darf sich auf grandiose 357 Seiten Gänsehaut freuen, verfasst von Islands Königin des Spannungsromans. Am besten in einem kuschligen und sicheren Umfeld genießen!

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